Hat unsere Wirtschaft noch Menschlichkeit?

Gibt es überhaupt noch Menschlichkeit in unserer Wirtschaft? Wird es Zeit Umzudenken?

Es gibt großartige Neuigkeiten aus unserem Haus. Unser Firmennachwuchs Alan Schell hat am 05.05.2017 das Licht der Welt erblickt. Wir sind wohlauf und überglücklich, die Wochen des Wartens, Bangens, der großen Ungeduld und der riesigen Anspannung sind vorüber. Und ich muss ehrlich gestehen, ich bin überglücklich nicht mehr schwanger zu sein und unser kleines Wunder in den Armen halten zu können. Dazu aber in einem anderen Blogartikel.

Was mich heute beschäftigt ist die Frage: Hat unsere Wirtschaft noch Menschlichkeit?

Sind Mitarbeiter nur Nummern? Vergessen Unternehmer, dass jeder einzelne Mitarbeiter zum Unternehmenserfolg beiträgt? Wo ist die Menschlichkeit hingekommen???

Warum mich das beschäftigt?

Zwei mal nun haben wir leider ähnliche Erfahrungen machen dürfen. Ich selbst bin Unternehmerin. Als diese Schwanger zu sein und eine Weile auszufallen ist eine riesige Hürde, zumal es von staatlicher Seite kaum Unterstützung für diese Kombination gibt. Aber auch hierüber schreibe ich gerne nochmals ausführlicher.

Mein Mann allerdings befindet sich zusätzlich zum Einsatz in unserem Unternehmen auch noch in einem normalen Angestelltenverhältniss. Vor drei Jahren kam unsere Tochter Hope zur Welt. Frühzeitig kündigte er im Betrieb an er wolle 2 Monate Elternzeit nehmen und ab Geburt zwei Wochen Urlaub haben. Die zwei Monate Elternzeit wollte er nach dem Betrieb richten. Mehrfach sprach er den damaligen Chef an, schlußendlich erhielt er die ernstgemeinte sinngemäße Aussage: „Naja, ich kann Dich ja dann immer noch vorher kündigen…“. Dem nicht genug fuhr der damalige Chef just zum errechneten Geburtstermin zwei Wochen in den Urlaub. In einem Vier-Mann-Unternehmen bedeutet dies, der Rest hat Urlaubssperre. Nun ja, unsere Hope machte sich drei Tage vor errechnetem Geburstermin auf den Weg. Das heißt pünktlich nach unserem Krankenhausaufenthalt von drei Tagen musste mein Mann wieder zum Arbeiten. Nach viel Ärger und einer Woche bangen erhielt er dann doch noch ein paar Tage frei… Alles in allem war er nach diesen Vorkommnissen nicht mehr lange Mitarbeiter in diesem Betrieb. Wir dachten: Ok, da hatten wir einfach Pech, traurig für meinen Mann war besonders, dass er sich jahrelang aufgeopfert hatte für den Betrieb, stets parat stand und Überstunden ohne Ende angesammelt hatte. Eigentlich so dachte er hatte er ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Chef. Der Dank? Androhung der Kündigung… Gestrichener Urlaub zur Geburt des Kindes… Wo ist da die Menschlichkeit? Denken Unternehmer eigentlich auch einmal über die Probleme Ihrer Mitarbeiter nach? Sollte es nicht ein Geben und Nehmen sein?

Nun sind drei Jahre vergangen. Mein Mann arbeitet in einem anderen Betrieb. Wir erwarten unser zweites Kind. Leider plagen mich wieder vorzeitige Wehen und ich muss viel liegen. Mit zweieinhalbjähriger Tochter nicht einfach. Ohne meinen Mann ein Ding der Unmöglichkeit. Er bekommt auf Kulanz einige Tage kurzfristigen Urlaub, wir denken: Wow, es gibt sie doch noch die Unternehmen mit Herz! Allerdings sind die Arbeitszeiten schon von Beginn an grenzwertig. Aufgrund Bereitschaftszeiten aber irgendwie vertretbar. Realistisch gerechnet allerdings alles in allem eine 70-Stundenwoche im Schnitt. Zuviel für einen Familienpapa, der seine Kinder auch aufwachsen sehen möchte. Über 7 Wochen kämpfte mein Mann um eine Veränderung des Schichtplans. Sein einziger Wunsch hierbei: realistisch machbare Arbeitszeiten um eine Chance zu haben, seine Kinder aufwachsen zu sehen. Nach allen Instanzen landete sein Anliegen beim Chef. Alle Mitarbeiter haben dem neuen System zugestimmt. Das Resultat wären vor allem auch ausegeruhte Mitarbeiter für den Betrieb gewesen. Was das zum Thema Produktivität bedeutet, möchte ich hier gar nicht ausführen… Sinngemäß erhielt er die Antwort: „Dann müsste er ja in allen Filialen die Zeiten anpassen, das möchte er eigentlich nicht!“ Ehrlich gesagt entstand der Eindruck, er hat sich weder das Problem, noch den Lösungsvorschlag wirklich angeschaut. Traurig! Ab errechnetem Termin hatte mein Mann zwei Wochen Urlaub. Allerdings machte sich ja nun unser Bauchzwerg erst eine gute Woche nach Termin wirklich auf den Weg, wovon im Vorfeld weder Arzt noch Hebamme ausgingen. Das heißt bis wir nach Krankenhausaufenthalt zu Hause ankamen, waren die zwei Wochen so gut wie aufgebraucht. Über die Krankenkasse gibt es die Möglichkeit auch den Mann als Haushaltshilfe einsetzen zu können. Somit entstehen für den Betrieb keine weiteren Kosten, bis auf den Mitarbeiterausfall. Zwei Wochen wünschten wir uns nochmal, damit ich eine Chance habe, einen neuen Rhythmus mit Säugling und Kleinkind zu finden. Von der Erholung der Geburtsstrapazen einmal abgesehen… Eine Woche war möglich, wofür wir sehr dankbar sind. Dann war es betrieblich leider nicht mehr möglich. Wir haben Verständnis, schließlich führe ich ja selbst ein Unternehmen und kenne auch die andere Seite. Aber zurück in eine 70-Stundenwoche???? Ich im Wochenbett plus Neugeborenes und Kleinkind? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit… Unsere Lösung (sicher aber nicht pauschal zu empfehlen): Mein Mann kündigte erneut… Wieder einmal organiseren wir uns pünktlich zur Geburt unseres Kindes neu…

Wo ist die Menschlichkeit in unserer Wirtschaft geblieben? Was ist ein zuverlässsiger und guter Mitarbeiter wert?

Wir haben uns fest vorgenommen diese Fehler in unserem Unternehmen nicht zu wiederholen. Unsere Mitarbeiter sind keine Nummern und gibt es in deren Familien Probleme, versuchen wir als Unterhemen zu unterstützen.

So freuen wir uns zum weiteren Firmennachwuchs unseres Büroengels gratulieren zu dürfen und stellen ihr das Rückkehrdatum, sowie den möglichen Arbeitsumfang, komplett frei. Mir ist es wichtig, glückliche und ausgeruhte Mitarbeiter mit an Board zu haben, dafür ist es manchmal wichtig Freiraum zu schaffen und Zeit zu ermöglichen.

Wie siehst du dieses Thema? Was hast du für Erfahrungen gemacht? Sind wir ein Einzelfall? Ist es Zeit für mehr Menschlichkeit in der Wirtschaft?

Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

Liebe Grüße

Myriam

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Comments
  • Andreas
    Antworten

    Hallo Myriam, toller Beitrag und die die es betrifft lesen ihn wahrscheinlich nicht (egoistische / rein zahlengetriebene Chefs). Ich habe selbst solche Erfahrungen gemacht von kein freier Tag für Beerdigung, Arbeitszeiten jenseits jeder Gesetzeslage, Unloyalität usw.
    Inzwischen sitze ich auf der anderen Seite (bin auch Arbeitgeber) und versuche es wie du nun anders zu machen.
    Klar ist es immer noch ein Wirtschaftsbetrieb aber WICHTIGE Lebensereignisse müssen da untergebracht werden. Und notfalls braucht man Ersatz. VG an euch vier! Andreas

    PS: Vielleicht geht es den frustrierten (Mit-)Lesern auch so, dass sie irgendwann die Einseitigkeit nicht mehr mitmachen und selbständig werden oder ein eigenes Unternehmen aufbauen…

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